Die Rahmenbedingungen für ambulantes Operieren sind in Deutschland alles andere als günstig. Dennoch gibt es vielversprechende Erfolgsmodelle für operative Zentren niedergelassener Vertragsärzte. 

Vor gut zwei Jahren gründeten engagierte Anästhesisten in Solingen die Praxisklinik im Südpark. Bei der Planung galten die Dimensionen der Praxisklinik mit vier OP-Sälen und 13 Betten für kurzstationäre Aufenthalte als ambitioniert. Doch bereits jetzt kommt die Praxisklinik an ihre Kapazitätsgrenzen: Von den insgesamt 7 000 im Jahr 2014 durchgeführten Operationen erforderten rund 1 000 eine kurzstationäre Unterbringung. „Wir führen inzwischen so hochkomplexe Eingriffe wie mehrstufige Wirbelfusionen oder Endoprothetik kurzstationär durch. Hohe Standards in Qualität, Ausstattung und Know-how sind der Grund dafür, dass zunehmend Operateure der klassisch stationären Disziplinen wie der Neurochirurgie zu uns kommen. Aus heutiger Sicht hätten wir gerne ein größeres Gebäude, da uns insbesondere stationäre Kapazitäten fehlen – wir könnten ohne Probleme die doppelte Zahl an Betten belegen“, erklärt Jascha Rinke, der in der Praxisklinik als Gesundheitsökonom für die Unternehmensentwicklung zuständig ist.

Operationen für alle Fachgebiete

„Mit meinem Kollegen Martin Zebulka-Rinke gehöre ich zu den Gründungsvätern der Praxisklinik. Wir haben bereits 1998 angefangen, zusammen als niedergelassene Anästhesisten zu arbeiten“, erzählt Achim Bertram, einer der fünf Geschäftsführer der Praxisklinik. „Quasi als mobile ,Rucksackanästhesisten‘ sind wir herumgefahren und haben bei niedergelassenen Operateuren die Narkosen gemacht. Dann hatten wir aber bald den Wunsch, klinische Standards einzuführen. Ich glaube, das haben wir nun geschafft. Allerdings auch mit einem riesengroßen persönlichen Aufwand.“ Das Herzstück des operativen Zentrums bildet eine überörtliche Gemeinschaftspraxis für Anästhesie mit Kassensitzen in Solingen und Wuppertal: Neun niedergelassene Fach- ärzte für Anästhesie – sieben Gesellschafter plus zwei angestellte Ärzte – sind darin aktiv. Fünf dieser Anästhesisten betreiben die Praxisklinik und beschäftigen in Solingen rund 80 Mitarbeiter. Von der Sterilisationsassistentin über die OP-Schwester bis hin zur Fachwirtin im Gesundheitswesen sind zahlreiche medizinische und nicht-medizinische Berufe vertreten. „Die Einrichtungen der Praxisklinik und unseren Service nutzen 54 Operateure aus 33 Praxen. Sie kommen aus Solingen und den benachbarten Städten Wuppertal, Remscheid und Hilden, aber auch aus Düsseldorf und Bonn zu uns“, berichtet Bertram. Die ambulanten Operateure rekrutieren sich unter anderem aus den Fachgebieten Orthopädie, Unfallchirurgie, allgemeine Viszeralchirurgie, Gynä- kologie sowie der Plastisch-Rekonstruktiven Chirurgie.

„Für besondere Operationen halten wir spezielle Funktionswagen bereit. Da hier nahezu ausschließlich elektive Eingriffe stattfinden, können wir im Vorfeld die Operationen so vorbereiten, dass alles individuell auf den Patienten, den Operateur und das Team abgestimmt ist. Das gelingt nur, wenn die Vorbereitung der Verbrauchsressourcen und der Operationsinstrumentarien gut durchorganisiert ist“, erklärt Silke Turzynski, die für den Einkauf der Medikalprodukte zuständig ist. Zur apparativen Ausstattung der Anästhesie in der Praxisklinik gehören mehrere Narkose-Beatmungsgeräte, Defibrillatoren, ein Laboranalyseautomat, Patientenmonitore und Perfusoren. Die vier OP-Säle sind mit Raumlufttechnik und laminar Airflow-Technik vollklimatisiert ausgerüstet. Zwei OP-Röntgengeräte als digitale C-Bö- gen stehen zur Verfügung, ebenso wie vier Full-HD-Kameras mit 3CCDTechnik, frei bewegliche HD-Deckenmonitore und OP-Mikroskope für ophthalmologische oder neurochirurgische Eingriffe. „Wir können jetzt in unseren vier Operationssälen alle ambulant beziehungsweise kurzstationär operierenden Fachgebiete bedienen. Das letzte große Fachgebiet, das wir integriert haben, war die Neurochirurgie. Das war noch einmal eine große Herausforderung für unser Haus. Aber dank unserer langjährigen Erfahrung kennen wir die Wege gut, die beispielsweise zu den richtigen Ansprechpartnern in der Industrie und in Behörden führen“, erläutert Bertram.

Eigene Sterilgutaufbereitung

Zahlreiche Vorschriften zur Qualitätssicherung kommen auf ein OP-Zentrum zu. Damit diese erfüllt werden können, greifen die Solinger Anästhesisten auch auf das Know-how von externen Beratern zurück, wie zum Beispiel einem Arbeitsmediziner, einer Fachkraft für Arbeitssicherheit sowie einem externen Datenschutzbeauftragten. Als ambulantes OPZentrum ist die Praxisklinik im Südpark nach DIN EN zertifiziert, die dauerhafte Hygieneberatung und Überwachung erfolgt durch das Beratungszentrum für Hygiene in Freiburg. Es gibt außerdem eine permanente Patientenbefragung, und die Solinger engagieren sich in einem lokalen Qualitätsnetzwerk. „Als Anästhesist verbringe ich nur noch einen Bruchteil meiner Tätigkeit im OP, der Großteil meiner Arbeitskraft fließt in den administrativen Bereich“, erläutert Bertram, „Wir haben einen Garantenstatus gegenüber dem Operateur. Ein gutes Qualitätsmanagement ist uns deshalb wichtig. Insbesondere bei der Sterilgutaufbereitung wollten wir keinen Kompromiss eingehen und haben diese deshalb hier im eigenen Haus.“

Die Solinger betreuen durchschnittlich 35 Operationen pro Tag. Dieses Pensum in den vier OPs für die verschiedenen Fachgebiete zu bewältigen, bedeutet eine logistische Herausforderung. Die technische Ausstattung der vier vollkompatiblen Operationssäle ist so ausgelegt, dass jede Operation jederzeit in einem der Säle durchgeführt werden kann. Bei der Auslastung der OPs legen die Ärzte großen Wert auf schnelle Wechselzeiten. „Unsere personellen Ressourcen konzentrieren wir auf den Wechsel. Dann sind alle gefordert, Anästhesist, Operateur und Pflege müssen Hand in Hand arbeiten“, so Bertram.

Nachholbedarf in Deutschland

Der medizinische und medizintechnische Fortschritt hat in den vergangenen Jahrzehnten immer schonendere Operationstechniken hervorgebracht. Insbesondere minimalinvasive und mikrochirurgische Techniken haben dem ambulanten Operieren neue Möglichkeiten eröffnet – die Nachfrage nach ambulanten Operationen wächst. Ihre Zahl hat sich laut Gesundheitsberichterstattung des Bundes in den Krankenhäusern innerhalb von zehn Jahren weit mehr als verdoppelt, von mehr als 700 000 im Jahr 2003 auf knapp 1,9 Millionen in 2013. Doch trotz aller Fortschritte hinkt Deutschland bei der Quote ambulant durchgeführter Operationen im internationalen Vergleich deutlich hinterher. Darauf verweist der Bundesverband für Ambulantes Operieren (BAO) in seinen Mitteilungen. Auch wenn es in Deutschland keine eigenständige Operationsstatistik gibt, konnte die Internationale Gesellschaft für ambulantes Operieren anhand von Abrechungsdaten fallbezogene Statistiken erstellen. Demnach wurde rund die Hälfte der OP-Fälle in Deutschland ambulant operiert. Das ist deutlich weniger im Vergleich zu anderen europäischen Ländern, in denen die Raten für ambulante Operationen zwischen 80 und 93 Prozent liegen.

Allerdings wurden in keinem anderen Vergleichsland die ambulanten Operationen so niedrig vergütet wie in Deutschland. Der BAO sieht darin den Grund für den niedrigen Anteil ambulanter Operationen hierzulande und fordert deshalb entsprechende Reformen. Sowohl ein Krankenhaus als auch spezialisierte Arztpraxen wie Praxis-, Tageskliniken oder Medizinische Versorgungszentren erhielten für ambulante Operationen durchschnittlich 25 Prozent der DRG-Vergütung. Im Gegensatz zu Deutschland gewährten laut BAO viele andere Länder eine gleich hohe Vergütung der Operationsleistung – unabhängig davon, ob die Operation ambulant oder stationär durchgeführt werde.

Die Deutsche Praxisklinikgesellschaft e. V., die die Interessen der Praxiskliniken auf Bundesebene vertritt, konnte die gesetzliche Legitimierung der Praxiskliniken bereits im Jahr 2009 bewirken. Doch seitdem herrscht quasi Stillstand. Laut der offiziellen Definition* ist eine Praxisklinik eine Einrichtung, in der Versicherte durch Zusammenarbeit mehrerer Vertragsärzte ambulant und kurzstationär bis zu drei Tagen versorgt werden können. Ein Rahmenvertrag über ambulant oder stationär durchzuführende stationsersetzende Behandlungen, den die Praxiskliniken mit dem Spitzenverband Bund der Krankenkassen erarbeiten sollen, ist jedoch bis heute nicht zustande gekommen.

„Wir sehen unsere Praxisklinik, die dem § 30 der Gewerbeordnung unterliegt, als Schnittstelle zwischen ambulanter und stationärer Versorgung“, sagt Bertram. „Gleichzeitig befinden wir uns damit genau zwischen den Fronten der strikten Sektorengrenzen von stationärer und ambulanter Vergütung. Man kann es nur als ungerecht empfinden, dass die ambulante Operation bei gleichem Aufwand wesentlich schlechter honoriert wird, und dass es für Krankenhäuser finanziell günstiger ist, die Patienten stationär zu behandeln. Aber damit müssen wir leben, und unsere Klinik zeigt, dass dies geht. Die hohe Nachfrage auf Seiten der Patienten wie der Operateure bestätigt den steigenden Bedarf nach solchen Einrichtungen.“

Dr. rer. nat Lisa Kempe

QUELLE

1/2015 Deutsches Ärzteblatt

LINKS

1. Praxisklinik im Südpark, Solingen: praxisklinik-im-suedpark.de
2. Bundesverband für Ambulantes Operieren e.V. (BAO): www.operieren.de
3. Deutsche Praxisklinik Gesellschaft e.V.: www.pkgev.de 4. Arbeitsgemeinschaft Anästhesiologischer Operationszentren e.V.: www.aaoz.de